Texworld 2026: Nachhaltigkeit, Rückverfolgbarkeit und KI als Treiber für Fashion Sourcing
Vom 2. bis 4. Februar 2026 bestätigte die Texworld Apparel Sourcing Paris erneut ihre Rolle als eine der einflussreichsten globalen Plattformen für Textil- und Bekleidungsbeschaffung. Mehr als 1.100 Aussteller aus 33 Ländern versammelten sich im Paris–Le Bourget Exhibition Centre. Diese 58. Ausgabe präsentierte nicht nur Materialien und Produktionskompetenzen, sondern formulierte eine klare Botschaft: Die Zukunft des Fashion Sourcing hängt von Rückverfolgbarkeit, Zirkularität und intelligenter Innovation ab. Im Zentrum dieser Transformation standen die Econogy Tour und der Econogy Hub. Zwei Initiativen, die Nachhaltigkeit aus dem Bereich abstrakter Bekenntnisse in eine konkrete, operative Realität übersetzten.
Econogy Tour: Nachhaltigkeit, die man navigieren kann, nicht nur deklarieren
In einer Branche, die häufig von Nachhaltigkeitsversprechen überflutet wird, bot die Econogy Tour etwas Seltenes: Klarheit. Als kuratierte Sourcing-Route konzipiert, führte sie Presse, Expertinnen und Experten sowie Besucher gezielt zu Ausstellern und Projekten, die den ökologischen und sozialen Kriterien des von Messe Frankfurt entwickelten Econogy-Rahmens entsprachen.
Anstatt Nachhaltigkeit in eine Nische auszulagern, integrierte die Econogy Tour verantwortungsvolle Innovation direkt in die Beschaffungslogik der Messe. Einkäufer konnten nahtlos von zertifizierten Materialien zu zirkulären Komponenten wechseln, von ressourcenschonenden Prozessen zu skalierbaren industriellen Lösungen. Nachhaltigkeit wurde nicht als Zusatz, sondern als Wettbewerbsvorteil verstanden.
Dieser Ansatz spiegelt einen grundlegenden Wandel im Markt wider. Marken fragen nicht mehr, ob Nachhaltigkeit wünschenswert ist. Sie fragen, ob sie verlässlich, rückverfolgbar und mit realen Produktionszeiten kompatibel ist. Die Econogy Tour versuchte, genau auf dieses Bedürfnis zu antworten.
Marken fragen nicht mehr, ob Nachhaltigkeit wünschenswert ist. Sie fragen, ob sie verlässlich, rückverfolgbar und mit realen Produktionszeiten vereinbar ist. Die Econogy Tour versuchte, genau auf dieses Bedürfnis eine Antwort zu geben.





Econogy Hub: Wo Zirkularität erlebbar wird
Im Zentrum der Messe fungierte der Econogy Hub zugleich als Wissensraum und als sinnlich erfahrbarer Ort. Er brachte innovative Unternehmen, Institutionen und kreative Projekte zusammen, die die gesamte textile Wertschöpfungskette adressieren, von der Faserentwicklung bis zu End-of-Life-Strategien.
Ein Highlight war Zero Waste Couture, eine Ausstellung, kuratiert von der Designerin Lea Theres Lahr-Thiele. Statt fertige Kleidungsstücke in den Mittelpunkt zu stellen, untersuchte die Ausstellung, was vor dem Produkt liegt: Materialforschung, Designsysteme, Komponenten und offene Prozesse. Zero Waste wurde hier als Entwicklungsstrategie verstanden. Die Ausstellung war in drei zentrale Zonen gegliedert: Materialtransformation, zirkuläre Komponenten und Wissen für systemischen Wandel. Biobasierte Innovationen, recycelte und zirkuläre Fasern, neu gedachte Verschlusssysteme und Open-Source-Plattformen standen nebeneinander in einer Erzählung, die Greenwashing bewusst vermied.
Transparenz war dabei zentral. Ergänzend zur Ausstellung verbanden Live-Sticklabore Handwerk und Technologie und ermöglichten Besucherinnen und Besuchern, nachhaltige Garne in Echtzeit in Transformation zu erleben. Die Präsenz des Luxiders Magazine im Econogy Hub mit der Fotoausstellung Visions of Transformation stärkte zudem die kulturelle Dimension zirkulärer Mode, indem sie Innovation mit Storytelling und visueller Wirkung verknüpfte.
Statt fertige Kleidungsstücke in den Mittelpunkt zu stellen, untersuchte die Ausstellung Zero Waste Couture, kuratiert von der Designerin Lea Theres Lahr-Thiele, was vor dem Produkt entsteht: Materialforschung, Designsysteme, Komponenten und offene Prozesse.


Rückverfolgbarkeit und Zirkularität rücken ins Zentrum
Über die Messehallen hinweg wurden Rückverfolgbarkeit und Zirkularität nicht mehr als aufkommende Konzepte behandelt. Sie entwickelten sich zu strukturellen Pfeilern. Aussteller präsentierten zunehmend transparente Lieferketten, digitale Tracking-Lösungen und Materialpässe, die sowohl regulatorischem Druck als auch den Erwartungen der Konsumentinnen und Konsumenten gerecht werden sollen.
Near Sourcing gewann weiter an Bedeutung. Ein erweiterter Near Sourcing Hub vereinte Hersteller aus Portugal, der Türkei, Bulgarien, Griechenland, Marokko und weiteren Ländern. In Kombination mit hybriden physischen und digitalen Beschaffungsprozessen über Plattformen wie Foursource konnten Einkäufer QR-Codes scannen, digitale Kollektionen abrufen und Angebote effizient anfragen.
Zirkularität erstreckte sich zudem auf Komponenten und Accessoires. Kleine Elemente, die oft übersehen werden, wurden aufgrund ihres überproportionalen Einflusses auf Recyclingfähigkeit und Langlebigkeit hervorgehoben. Knöpfe, Futterstoffe, Stickgarne und Veredelungsprozesse wurden Teil der Nachhaltigkeitsdebatte und signalisierten ein reiferes, detaillierteres Verständnis von zirkulärem Design.

Künstliche Intelligenz: Werkzeug, Katalysator und ethische Frage
Eines der meistdiskutierten Themen der Texworld Paris 2026 war künstliche Intelligenz. Unter dem übergeordneten Begriff der Digitalisierung wurde KI nicht als futuristisches Versprechen verhandelt, sondern als gegenwärtige Realität, die kreative und industrielle Arbeitsprozesse bereits grundlegend verändert.
In Konferenzen zu assistierter und augmentierter Kreation wurde untersucht, wie KI-Tools heute schon die Schnittentwicklung, Trendanalyse, Prototypenerstellung und Materialoptimierung unterstützen. Für Designerinnen, Designer und Sourcing-Teams bedeutet KI mehr Geschwindigkeit, Präzision und neue experimentelle Möglichkeiten. Für Marken verspricht sie präzisere Bedarfsprognosen und weniger Überproduktion. Zugleich wich Texworld den komplexen Fragen nicht aus. Mehrere Round Tables thematisierten die ethischen und ökologischen Implikationen von KI, darunter Energieverbrauch, Datentransparenz und das Risiko einer vereinheitlichten Kreativität. Die zentrale Frage lautete nicht, ob KI eingesetzt werden sollte, sondern wie sie verantwortungsvoll in eine Branche integriert werden kann, die ohnehin unter erheblichem ökologischem Druck steht.
In diesem Kontext wurde KI als Hebel verstanden. Kraftvoll, aber nur wirksam, wenn sie von menschlicher Intention, kulturellem Bewusstsein und klaren Nachhaltigkeitszielen geleitet wird. Belvis Soler, Art Director des Luxiders Magazine, nahm an dem Talk „Assisted creation, augmented creation? How AI and digitalisation are reshaping creative practices, workflows, and professions, raising both opportunities and ethical questions“ teil, gemeinsam mit weiteren Expertinnen wie Maria Vinagre, Creative Director, Fashion Stylist und AI Creative, Maggie Mattioni, Senior Designer, Elisabetta Alicino, Creative Director, Brand Designer und Gen-AI-Expertin, Diane Wallinger, Modedesignerin und Head of Customer Success bei Fermat, sowie Eva Ohayon, Mitgründerin von Rosa Futures und Dozentin am IFM.

Die Schlussfolgerungen der Round Table-Diskussion eröffneten eine tiefere und nuanciertere Debatte über künstliche Intelligenz und ihre tatsächliche Rolle in der Mode- und Kreativindustrie. Ist KI wirklich schon reif genug, um in Kommunikation und Marketing Projekte in hoher Qualität zu liefern, wo narrative Sensibilität, kultureller Kontext und emotionale Intelligenz essenziell bleiben? Welche Lücken erzeugt künstliche Intelligenz weiterhin, selbst wenn sie Effizienz und Optimierung verspricht?
Die Diskussion hinterfragte zudem das ethische Narrativ rund um KI. Wie ethisch ist künstliche Intelligenz in der Praxis, und warum wird sie so häufig als ethisch beschrieben, obwohl ihre ökologischen, sozialen und kulturellen Auswirkungen weiterhin weitgehend ungemessen und unzureichend reguliert sind? Statt KI als per se verantwortungsvoll zu akzeptieren, plädierte das Gespräch für eine kritischere und transparentere Bewertung ihrer Konsequenzen.
Gleichzeitig wurden Bereiche benannt, in denen künstliche Intelligenz tatsächlich auf ethischere und nachhaltigere Weise eingesetzt werden kann. Anwendungen wie frühe Design-Exploration und Prototyping wurden als Felder identifiziert, in denen KI Abfall reduzieren, Experimentierprozesse beschleunigen und Entscheidungen unterstützen kann, ohne menschliche Kreativität zu ersetzen. In diesen Kontexten wird KI nicht zum Ersatz für kreative Vision, sondern zu einem Werkzeug, das, bewusst eingesetzt, zu effizienteren und verantwortungsvolleren Prozessen beitragen kann.
All Images: @ Courtesy by Texworld Apparel Sourcing Paris