Viktor&Rolf. Mode als Statement | Im High Museum of Art, Atlanta
Viktor&Rolf. Fashion Statements kommt ins High Museum of Art in Atlanta und markiert die erste große Retrospektive des niederländischen Duos in den Vereinigten Staaten. Vom 10. Oktober 2025 bis zum 8. Februar 2026 zu sehen, bietet die Ausstellung nicht nur einen Überblick über mehr als drei Jahrzehnte des Schaffens von Viktor Horsting und Rolf Snoeren, sondern leitet zugleich eine neue institutionelle Phase ein, geprägt von einem nachhaltigen Engagement des Museums für Mode.
In den vergangenen zehn Jahren sind Museen zu zentralen Orten geworden, um Mode jenseits des Laufstegs zu denken. Monografische Ausstellungen zu Designer:innen wie Alexander McQueen, Rei Kawakubo, Hussein Chalayan, Martin Margiela, Issey Miyake oder zuletzt Iris van Herpen haben gezeigt, dass Mode nicht nur Bilder oder Trends hervorbringt, sondern Denksysteme. Weit davon entfernt, bloße Retrospektiven zu sein, haben diese Ausstellungen Körper, Identität, Zeit, Materialität und Technologie aus einer kritischen und experimentellen Perspektive verhandelt und Mode in einen direkten Dialog mit Skulptur, Architektur, Performance und zeitgenössischer Theorie gesetzt.
Europäische Institutionen wie das Victoria and Albert Museum in London, das Musée des Arts Décoratifs und das Palais Galliera in Paris, das MoMu in Antwerpen oder das Centraal Museum in Utrecht haben in diesem Wandel eine grundlegende Rolle gespielt. Sie unterstützen kontinuierlich Ausstellungen, die Mode als komplexe kulturelle Praxis begreifen, geprägt von Kunstgeschichte, Literatur, Politik und Materialforschung. In den Vereinigten Staaten haben Museen wie das Metropolitan Museum of Art oder das Museum of Fine Arts, Boston, ähnliche Wege eingeschlagen und dazu beigetragen, einen Rahmen zu etablieren, in dem Mode mit derselben kritischen Tiefe untersucht werden kann wie andere künstlerische Disziplinen.
Vor diesem Hintergrund kommt Viktor&Rolf. Fashion Statements ins High Museum of Art in Atlanta und markiert die erste große Retrospektive des niederländischen Duos in den USA. Vom 10. Oktober 2025 bis zum 8. Februar 2026 zu sehen, bietet die Ausstellung nicht nur einen Überblick über mehr als drei Jahrzehnte des Schaffens von Viktor Horsting und Rolf Snoeren, sondern leitet zugleich eine neue institutionelle Phase ein, geprägt von einem nachhaltigen Engagement des Museums für Mode.






Kuratiert von Thierry-Maxime Loriot in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle München, wo die Ausstellung im Februar 2024 erstmals gezeigt wurde, vereint die Schau mehr als einhundert Werke, die das einzigartige kreative Universum von Viktor&Rolf verdichten: ein hybrides Terrain, in dem Haute Couture auf konzeptuelle Kunst, Performance, Szenografie und eine kritische Reflexion des Modesystems selbst trifft. Seit den 1990er-Jahren entwickelt das Duo eine zutiefst experimentelle Praxis, die in abstrakten Ideen verwurzelt ist und sich durch extreme Handwerkskunst und technische Meisterschaft materialisiert.
Anstelle einer streng chronologischen Erzählung entfaltet sich Fashion Statements in acht thematischen Kapiteln: Fashion Artists, Russian Dolls, Fashion Statements, The Dolls, Zen Garden, Performing Fashion, Viktor&Rolf on Stage und Upcycling Couture. Diese Struktur ermöglicht es den Besucher:innen, die innere Kohärenz ihres Werks ebenso zu erfassen wie die Wiederkehr bestimmter Gesten, Obsessionen und formaler Strategien. Mode erscheint hier als autonome Sprache, fähig, eigene Narrative zu entwickeln und die Grenzen zwischen Objekt, Körper und Bild zu hinterfragen.
Eines der zentralen Themen der Ausstellung ist Viktor&Rolfs Auffassung der Modenschau als Performance. Für die Designer war der Laufsteg nie ein rein kommerzieller Ort, sondern eine Bühne für Erzählung und symbolische Spannung. Im Laufe ihrer Karriere haben sie den Catwalk in eine theatrale Arena verwandelt, in der Gegensätze wie Romantik und Macht, Exzess und Zurückhaltung, Klassizismus und Rebellion inszeniert werden. Im musealen Kontext werden die Kleidungsstücke aus dem beschleunigten Rhythmus des Modekalenders gelöst und durch eine langsamere, reflektiertere Linse betrachtet. So erhalten die Besucher:innen Raum, sich mit den konzeptuellen und technischen Prozessen hinter jedem einzelnen Werk auseinanderzusetzen.
Viktor&Rolf. Fashion Statements ist mehr als eine wegweisende Ausstellung. Sie bildet den Auftakt des Lauren Amos Fashion Project, einer mehrjährigen Initiative, die durch eine Spende in Millionenhöhe der Modeunternehmerin, Philanthropin und langjährigen Vorstandsmitglieds des High Museum, Lauren Amos, ermöglicht wurde.




Das Ausstellungserlebnis wird zusätzlich durch animierte Projektionen bereichert, die eigens für die Schau von Rodeo FX entwickelt wurden, dem Visual-Effects-Studio hinter Produktionen wie Blade Runner 2049, Stranger Things und Game of Thrones. Diese digitalen Interventionen verstärken die theatrale und fiktionale Dimension von Viktor&Rolfs Werk und versetzen die Besucher:innen in einen Zwischenraum aus Kleidungsstück, Bild und Szenografie.
Doch Viktor&Rolf. Fashion Statements ist mehr als eine wegweisende Ausstellung. Sie bildet den Auftakt des Lauren Amos Fashion Project, einer mehrjährigen Initiative, die durch eine Spende in Millionenhöhe der Modeunternehmerin, Philanthropin und langjährigen Vorstandsmitglieds des High Museum, Lauren Amos, ermöglicht wurde. Damit entsteht das erste umfassende, auf Mode fokussierte Programm in der nahezu hundertjährigen Geschichte der Institution und ein struktureller Wandel in der Positionierung von Mode innerhalb des Museums.
Anstatt einzelne Ausstellungen zu fördern, etabliert die Initiative einen langfristigen Rahmen, der Mittel für zukünftige Schauen, öffentliche Programme sowie die Schaffung einer eigenen kuratorischen Position umfasst, die sich ausschließlich mit Mode befasst. Mode wird so von einem gelegentlichen Highlight zu einem dauerhaften Forschungs- und Diskursfeld innerhalb des Museums.
Die Spende würdigt zugleich das bisherige Engagement des High Museum für Mode. In den vergangenen zehn Jahren haben Ausstellungen wie Iris van Herpen: Transforming Fashion (2015–2016), The Rise of Sneaker Culture (2016) und Virgil Abloh: Figures of Speech (2019–2020) gezeigt, wie das Museum Mode aus technologischen, skulpturalen, urbanen und kulturellen Perspektiven verhandeln kann und dabei neue, vielfältige Publikumsschichten erreicht. Das Lauren Amos Fashion Project bündelt diese Entwicklung und verleiht ihr Kontinuität.
Mit diesem neuen Rahmen positioniert sich das High Museum als aktiver Akteur im internationalen Dialog über Mode und Museen, stärkt transatlantische Verbindungen und verortet Atlanta als relevanten kulturellen Knotenpunkt dieser Debatte. Mode wird nicht länger als Beiwerk des Museumsprogramms verstanden, sondern als kritisches Instrument, um die Gegenwart zu begreifen und zukünftige Transformationen zu denken.
In diesem Sinne fungiert Viktor&Rolf. Fashion Statements als eine Erklärung der Absicht. Die Ausstellung feiert nicht nur die Karriere eines der einflussreichsten und konzeptionell präzisesten Modeduos der letzten drei Jahrzehnte, sondern bekräftigt zugleich den Platz der Mode im Museum als eigenständige künstlerische, intellektuelle und kulturelle Praxis.
Um die Vision hinter dem Lauren Amos Fashion Project weiter zu vertiefen, haben wir mit Lauren Amos darüber gesprochen, warum diese Initiative zu einem entscheidenden Zeitpunkt für das High Museum entsteht, welche Rolle Kurator:innen bei der Gestaltung des Modediskurses spielen und wie langfristiges institutionelles Engagement die Art und Weise verändern kann, wie Mode im Museum verstanden wird.


Interview mit Lauren Amos
Was hat Sie dazu motiviert, das Lauren Amos Fashion Project genau zu diesem Zeitpunkt in der Geschichte des High Museum ins Leben zu rufen?
Es fühlte sich nach dem richtigen Moment an. Das High wächst, das Publikum ist neugierig, und Mode ist zu einer kraftvollen Art geworden, wie Menschen heute mit Kultur in Verbindung treten. Ich wollte etwas Dauerhaftes schaffen — nicht nur eine einzelne Ausstellung, sondern ein echtes Bekenntnis zu Mode als Teil der Zukunft des Museums. Dieses Projekt geht darum, Mode den Raum und die Ernsthaftigkeit zu geben, die sie verdient, und sie gleichzeitig zugänglich und emotional zu halten.
Was kann diese Initiative Ihrer Meinung nach Neues oder Anderes bieten im Vergleich zu bisherigen Modeausstellungen und -programmen?
Der größte Unterschied ist die Kontinuität. Anstelle einzelner Mode-Momente entsteht hier ein fortlaufender Rahmen — jemand, der sich in Vollzeit mit Mode beschäftigt und Ideen über Jahre hinweg entwickelt, nicht nur über Monate. Das erlaubt es Ausstellungen, tiefer zu gehen, sich miteinander zu verbinden und Mode als mehr zu begreifen als schöne Objekte. Es geht um Ideen, Prozesse und Bedeutung.
Viktor & Rolf haben das Projekt eröffnet. Warum war ihr Werk der richtige Ausgangspunkt für dieses neue Kapitel?
Viktor & Rolf waren der richtige Beginn — sowohl wegen ihres Werks als auch wegen der Person, die es zum Leben erweckt. Thierry-Maxime Loriot ist ein enger Freund und ein echter Visionär. Er versteht Viktor & Rolf und ihr Universum auf einer sehr persönlichen Ebene. Diese Ausstellung ist ganz wesentlich seine Schöpfung und sie basiert auf großem Vertrauen, Tiefe und Intimität mit den Designern.
Das Projekt auf diese Weise zu beginnen, war mir wichtig. Es war ein Start mit klarer Absicht — und mit einem Paukenschlag. Diese Ausstellung setzt ein Zeichen, nicht nur für Atlanta, sondern international, dass das High Mode ernst nimmt. Viktor & Rolf durch Thierrys Perspektive zu wählen, definiert den Ton dessen, wofür dieses Projekt steht: Ambition, Präzision und eine klare Haltung.
Die Initiative umfasst die Finanzierung einer neuen kuratorischen Position mit Schwerpunkt Mode. Welche Rolle spielen Kurator:innen Ihrer Meinung nach dabei, wie Mode historisch und kritisch verstanden wird?
Kurator:innen geben Kontext. Sie helfen dabei, die Geschichte hinter den Kleidungsstücken zu erzählen — warum sie relevant sind, woher sie kommen und worauf sie reagieren. Eine eigene Modekurator:in kann diese Erzählung über längere Zeit aufbauen und Designer:innen mit Geschichte, Kunst, Politik und Kultur verbinden. Dieses langfristige Denken hebt Mode im musealen Kontext auf ein neues Niveau.
Wie sehen Sie den Beitrag dieses Projekts zur Zukunft von Modeausstellungen und -diskursen?
Ich hoffe, es zeigt, was möglich ist, wenn Mode als ernsthafte, fortlaufende Auseinandersetzung verstanden wird. Nicht als etwas Temporäres oder Dekoratives, sondern als etwas, das es wert ist, erforscht und immer wieder neu betrachtet zu werden. Wenn es andere Institutionen dazu ermutigt, stärker in Mode zu investieren,kuratorisch wie intellektuell, wäre das von großer Bedeutung.
Ihre Arbeit bewegt sich zwischen Unternehmertum, Philanthropie und kulturellem Engagement. Wie fügt sich dieses Projekt in Ihren persönlichen Weg in der Mode ein?
Mein Leben wurde dadurch verändert, bestimmten Designer:innen, Künstler:innen und Architekt:innen zu begegnen. Ich habe erlebt, wie kreative Arbeit verändern kann, was Menschen für möglich halten. Jeden Tag gehen Schüler:innen durch das High, und selbst eine einzige Ausstellung kann den Lebensweg eines Menschen beeinflussen, oder einfach die Stimmung dieses Tages verändern. Mode hat diese Kraft.
Durch meine Arbeit mit Wish und Antidote habe ich das unmittelbar erfahren. Zu sehen, wie jemand vom Kartonschleppen dazu kommt, für große Designer zu entwerfen, ist für mich zutiefst bedeutungsvoll. Dieselbe Möglichkeit sehe ich in diesen Modeausstellungen — zu inspirieren, Türen zu öffnen und Leben leise zu verändern.
Sehen Sie das Lauren Amos Fashion Project als Plattform, um Verbindungen zu europäischen Institutionen oder Designer:innen aufzubauen und einen transatlantischen Dialog zu fördern?
Absolut. Mode war schon immer global, und viele der Designer:innen und Institutionen, die mich inspirieren, sind in Europa beheimatet. Ich sehe dieses Projekt als Brücke — als echten Dialog zwischen europäischen und amerikanischen Modekulturen.
Gleichzeitig ist es wichtig, Atlanta mit an den Tisch zu holen. Atlanta ist eine außergewöhnliche Stadt mit tiefem kulturellem Einfluss, Kreativität und Geschichte, und sie verdient es, Teil dieser Gespräche zu sein. Dieses Projekt geht nicht darum, Ideen zu importieren, sondern darum, Atlanta als aktiven Akteur im globalen Modedialog zu positionieren.
Welche Richtungen oder Stimmen würden Sie nach Viktor & Rolf gerne in zukünftigen Ausstellungen erkunden?
Einer der spannendsten Aspekte dieses Projekts ist, dass es kuratorisch geführt ist. Meine Rolle besteht darin, die Vision zu unterstützen und die Voraussetzungen für durchdachte, ambitionierte Arbeit zu schaffen. Mich interessieren vielfältige Stimmen und Ansätze — etabliert und aufstrebend, lokal und international — die weiterhin herausfordern, wie Mode verstanden wird. Entscheidend ist für mich, dass jede Ausstellung eine klare Haltung einnimmt und etwas Sinnvolles zur größeren Diskussion beiträgt.
Eines der zentralen Themen der Ausstellung ist Viktor&Rolfs Auffassung der Modenschau als Performance. Für die Designer war der Laufsteg nie ein rein kommerzieller Raum, sondern eine Bühne für Erzählung und symbolische Spannung.






