Jarod K. Anderson | Über Natur, Depression und den radikalen Akt des bewussten Wahrnehmens

Für den Dichter und Schriftsteller Jarod K. Anderson ist die bewusste Wahrnehmung der Natur mehr als eine kreative Praxis – sie ist eine Möglichkeit, der Verzweiflung zu widerstehen. In diesem exklusiven Interview mit dem Luxiders Magazine spricht der Autor von Something in the Woods Loves You und Strange Animals über Depressionen, Klimaangst, Sterblichkeit und unsere schwindende Fähigkeit zum Staunen. Dabei zeigt er, warum ein Löwenzahn, der durch einen Riss im Asphalt wächst, noch immer ein Grund sein kann, genauer hinzusehen.

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Jarod K. Anderson hat sein Werk einem scheinbar einfachen Akt gewidmet: dem bewussten Wahrnehmen. In seinen Gedichten, Memoiren, Audio-Fiction-Produktionen und seinem 2026 erschienenen Roman Strange Animals erforscht der US-amerikanische Schriftsteller die Beziehungen zwischen Natur, psychischer Gesundheit, Sterblichkeit und Staunen. In seinen Texten dient die Natur nicht als Flucht vor schwierigen Realitäten, sondern als Möglichkeit, sie genauer zu betrachten – von Depressionen und Klimaangst bis hin zu Verlust, Veränderung und der Erkenntnis, dass nichts in der Natur für die Ewigkeit bestimmt ist.

In einigen Ihrer Gedichte, darunter City, Afterlife und Whale Fall, beschäftigen Sie sich mit Schönheit, die aus Verfall und Enden entsteht. Sie schreiben: „Alle Schönheit in der Natur entsteht aus Enden.“ Wie hat diese Sichtweise in Ihrem Leben Wurzeln geschlagen, und hat sie die Art verändert, wie Sie Verlust erleben?

Ich glaube, diese Sichtweise entstand, als mir bewusst wurde, dass ich vom Gegenteil überzeugt war: von der Vorstellung, nur Dinge, die ewig bestehen, seien bedeutungsvoll und wertvoll. Ich ertappte mich dabei, wie ich mit dieser schädlichen, unhinterfragten Überzeugung Momente der Freude und Erfolge in meinem eigenen Leben ebenso abwertete wie meine Beobachtungen der Natur. Irgendwann erkannte ich, dass eine solche Überzeugung nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmte. Diese persönliche Entwicklung brachte mich dazu, ernsthaft darüber nachzudenken, wie notwendig Enden für alle natürlichen Kreisläufe sind – auch für mein eigenes Leben.

 

In Ihren Memoiren Something in the Woods Loves You verbinden Sie Ihren lebenslangen Kampf mit Depressionen mit der heilenden Kraft der Natur. Wie bringen Sie diese beiden Wahrheiten – Schmerz und Staunen – auf der Seite zusammen, ohne dass die eine die andere aufhebt?

Es ist eine bittersüße Wahrheit, dass Staunen und Schmerz immer nebeneinander bestehen. Diese Lektion lernen wir alle schon früh im Leben. Für mich liegt der Schlüssel darin, sie nicht als gegensätzliche Kräfte zu betrachten, sondern als wesentliche Bestandteile eines größeren, ausgewogenen Systems, das alles hervorbringt, was mir lieb und teuer ist. Mein Geist neigt zwar zu Depressionen, zugleich habe ich aber auch ein Gespür dafür, Frieden und Wunder wahrzunehmen. Es ist wie die Erkenntnis, dass sowohl schönes als auch unfreundliches Wetter natürlich und vorübergehend sind – und dass weder sonnige Tage noch Stürme Zeichen eines endgültigen Sieges oder einer endgültigen Niederlage sind.

 

In Strange Animals ist Green zunächst von seinem eigenen Leben entfremdet und findet durch die Begegnung mit einer Welt, die den meisten Menschen verborgen bleibt, allmählich einen Sinn. Glauben Sie, dass wir die Fähigkeit verlieren, das Seltsame, Geheimnisvolle oder Lebendige im Alltäglichen wahrzunehmen? Und was verlieren wir, wenn wir aufhören, aufmerksam hinzusehen?

Das Staunen verlangt meistens, dass wir ihm auf halbem Weg entgegenkommen. Ich glaube, wir berauben uns selbst einer reicheren Welt, wenn wir nicht in unsere eigene Neugier investieren und sie als eine aktive Fähigkeit begreifen, die wir mit Einsatz und bewusster Absicht entwickeln müssen. Es gab durchaus Zeiten in meinem Leben, in denen ich zu müde oder abgelenkt war, um aktiv nach Wundern zu suchen. Die gute Nachricht ist, dass das Staunen dort draußen auf uns wartet. Es wird noch da sein, wenn wir bereit sind, uns wieder dem aufmerksamen Wahrnehmen zu widmen.

 

Sie haben einen Masterabschluss in frühneuzeitlicher englischer Literatur und beschreiben sich selbst als „unterhaltsamer, als das vermuten lässt“. Erkennen Sie in Ihrem eigenen Werk Anklänge an ältere Naturdichtung, etwa an die Dichter:innen der Romantik, oder grenzen Sie sich bewusst von dieser Tradition ab?

Das ist ein etwas älterer Scherz aus meiner Zeit an der Universität. Wenn Kommiliton:innen erfuhren, dass ich meine Abschlussarbeit über John Milton schrieb, war das auf Partys meist das Ende des Gesprächs. Aber Spaß beiseite: Ich habe meine Ausbildung sehr genossen und bin mir sicher, dass mich die Beschäftigung mit früherer Naturdichtung beeinflusst hat. Gleichzeitig möchte ich auf eine sehr zugängliche Weise schreiben, die heutige Leser:innen anspricht. Deshalb stelle ich mich beim Überarbeiten meiner Texte manchmal bewusst gegen einige dieser frühen Einflüsse.

 

Für wen schreiben Sie vor allem – für ein reales menschliches Publikum, für die Natur selbst oder für eine jüngere beziehungsweise ältere Version Ihrer selbst? Und gibt es Dinge, die Sie durch das Schreiben ausdrücken konnten, die Ihnen als Sie selbst schwerfallen würden?

Das ändert sich von Projekt zu Projekt. Oft schreibe ich jedoch für eine Version meiner selbst, die sich an einem dunklen Ort befindet und mit Depressionen und Entfremdung kämpft. Aufgrund meiner psychischen Probleme weiß ich, wie es ist, sich ein Gefühl der Zufriedenheit bewusst erarbeiten zu müssen, wenn Verzweiflung wie der natürlichste Geisteszustand erscheint. Manchmal stelle ich mir diese Version meiner selbst an jenem dunklen Ort vor und frage mich: „Welche Werkzeuge kann ich ihm geben?“ Was habe ich gelernt oder beobachtet, das diese Version meiner selbst gegen Hoffnungslosigkeit und Gleichgültigkeit wappnen könnte? Ich bin fest davon überzeugt, dass wir Natur sind. Wir sind genauso natürlich wie jede Eiche, die in einem Flusstal steht. Und manchmal ist die Natur, zu der ich am besten sprechen kann, eine Version meiner selbst.

„Oft schreibe ich für eine Version meiner selbst, die sich an einem dunklen Ort befindet und mit Depressionen und Entfremdung kämpft. Aufgrund meiner psychischen Probleme weiß ich, wie es ist, sich ein Gefühl der Zufriedenheit bewusst erarbeiten zu müssen, wenn Verzweiflung wie der natürlichste Geisteszustand erscheint.“

„Ich bin fest davon überzeugt, dass wir Natur sind. Wir sind genauso natürlich wie jede Eiche, die in einem Flusstal steht. Und manchmal ist die Natur, zu der ich am besten sprechen kann, eine Version meiner selbst.“

Sie haben sich zwischen Lyrik, Memoiren, Audio-Fiction und nun auch dem Roman (Strange Animals, 2026) bewegt. Bringen diese Formen unterschiedliche Seiten von Ihnen zum Vorschein? Gibt es etwas, das Sie durch ein imaginäres Wesen oder eine fiktive Figur offenbaren können, das sich in Memoiren oder Gedichten zu entblößend anfühlen würde?

Fiktion und Fantasy geben mir die Freiheit, Begeisterung über Fachwissen zu stellen. Das ist wichtig für mich. Das Spielerische ist ein wesentlicher Bestandteil meines kreativen Lebens und Schaffensprozesses. Wenn ich jedoch versuche, über die reale Natur zu schreiben, und dabei mein eigenes Verständnis und Wissen hinterfrage, kann ich unsicher und zögerlich werden. Die Fiktion ist daher ein wunderbarer Spielplatz, auf dem ich Zweifel beiseitelegen und mich ganz meinen Gefühlen der Liebe und Begeisterung hingeben kann, ohne mir Sorgen darüber zu machen, ob alle Fakten stimmen.

 

Sie haben sich in den sozialen Medien eine große Fangemeinde aufgebaut, indem Sie Gedichte und Ihre Wertschätzung für die Natur teilen. Ein Großteil des heutigen Lebens verlangt von uns, uns schnell zu bewegen, schnell zu konsumieren und schnell zu reagieren. Ihre Arbeit hingegen fordert uns dazu auf, bewusst wahrzunehmen. Ist der Schutz Ihrer eigenen Aufmerksamkeit inzwischen Teil Ihrer kreativen Praxis geworden?

Ja, und deshalb habe ich manchmal eine Art Hassliebe zu den sozialen Medien. Ich liebe es, dass ich dadurch ein größeres Publikum erreichen konnte. Gleichzeitig spüre ich den Sog des endlosen Scrollens durch schlechte Nachrichten und merke, wie meine Aufmerksamkeitsspanne und mein Wohlbefinden darunter leiden, wenn ich ihm nachgebe. Deshalb schränke ich meine Zeit in den sozialen Medien inzwischen bewusst ein. Wenn ich über meine Nutzung sozialer Medien nachdenke, sage ich mir oft: „Telefon, nicht Fernsehen.“ Ich möchte die Technologie nutzen, um tatsächlich mit echten Menschen in Kontakt zu treten und zu kommunizieren, nicht nur als passive Ablenkung. Außerdem nehme ich mir bewusst Zeit im Freien, ohne mein Smartphone in der Hand zu halten. Ich glaube, wir werden alle noch viel häufiger über eine solche Internethygiene sprechen, sobald wir die Folgen ständiger Ablenkung wirklich zu verstehen beginnen.

 

In Field Guide to the Haunted Forest und Love Notes from the Hollow Tree beschreiben Sie die Natur in einer Sprache, die zugleich unheimlich und zärtlich wirkt. Was fasziniert Sie an dieser gespenstischen Qualität der Natur, die sich zwischen verschiedenen Welten zu bewegen scheint?

Wir haben uns evolutionär dazu entwickelt, in natürlichen Räumen zu leben. Diese Räume wurden jedoch nicht zu unserer Bequemlichkeit geschaffen, anders als viele der Orte, an denen wir uns im Alltag aufhalten. Wenn ich durch den Wald gehe, empfinde ich eine Art tief in den Knochen sitzendes Déjà-vu: das Gefühl, vollkommen zu Hause und zugleich völlig getrennt von den menschengemachten Räumen zu sein, durch die ich mich normalerweise bewege. Im Wald zu sein, fühlt sich wie eine Heimkehr an. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass das Haus von einer wachsamen Präsenz erfüllt ist. Ein Rezensent bezeichnete meinen neuen Roman als „gruselig-gemütlich“. Das ist keine schlechte Beschreibung dafür, wie ich mich oft fühle, wenn ich einen Waldweg entlanggehe.

 

Sie haben einmal versehentlich eine Klapperschlange aufgehoben und in den Ästen eines Ahornbaums geschlafen. Deshalb müssen wir fragen: Welche besonders unterschätzte Lektion hat Ihnen die Natur durch unmittelbare körperliche Erfahrungen vermittelt?

Bestimmte Momente in der Natur lehren mich, vollkommen und mühelos im Augenblick präsent zu sein. Wenn ich unerwartet einem Tier begegne oder ein überraschendes Geräusch beziehungsweise einen ungewöhnlichen Anblick wahrnehme, sind plötzlich alle meine Sinne in genau diesem Moment verankert. Außerhalb von Naturerlebnissen und der bewussten Beschäftigung mit der Natur erfahre ich das nur selten.

 

Sie haben im Rahmen des Earth-Commons-Programms der Georgetown University gesprochen und mit der Thoreau Foundation zusammengearbeitet. Da Klimaangst immer weiter verbreitet ist: Was kann Lyrik den Menschen geben, das Politik und Wissenschaft allein nicht leisten können?

Lyrik besitzt die Kraft, eine gewaltige, abstrakte Idee an den eigenen Küchentisch zu setzen und sie zu einem Gespräch zu zwingen. Das enorme Ausmaß der Klimaangst kann uns manchmal abstumpfen lassen. Ich glaube, Kunst und Lyrik sind oft Gegenmittel gegen jenes Gefühl der Machtlosigkeit, das uns dazu bringt, uns innerlich zurückzuziehen. Als Literaturwissenschaftler habe ich außerdem gesehen, wie Schriftsteller:innen in sehr dunklen Epochen der Menschheitsgeschichte schrieben. Ich glaube, wir begreifen die Welt und unseren Platz darin durch Geschichten. Um diese Geschichte gestalten zu können, müssen wir sie zunächst in Worte fassen. Wir müssen uns unsere eigene Geschichte erzählen. Ich persönlich möchte Menschen die Hand reichen, die mit Verzweiflung kämpfen. Ich möchte ihren Blick auf einen Löwenzahn lenken, der durch einen Riss im Gehweg wächst, und ihnen zeigen, dass selbst unter widrigsten Umständen ein Wert darin liegt, sich trotzig dafür zu entscheiden, trotzdem zu blühen.

 

Schriftsteller:innen verwandeln das, was sie beunruhigt, häufig in etwas, das sie genauer betrachten können. Gibt es eine Angst, eine Traurigkeit oder eine Frage, zu der Sie in Ihrer Arbeit immer wieder zurückkehren, ohne sie vielleicht jemals vollständig beantworten zu können?

Ich liebe die Wissenschaft. Ich liebe Lyrik und Philosophie. Ich liebe Neugier und Empathie. Ich fürchte, dass meine Art der Liebe leise ist, während die Liebe zum Nehmen und Besitzen und die Hingabe an ein unstillbares Verlangen sehr, sehr laut sind.

 

Nachdem Sie so viel über Depressionen, Staunen, Tod, seltsame Wesen und die Natur geschrieben haben: Was versetzt Sie noch immer in echtes Erstaunen darüber, am Leben zu sein?

Älter zu werden … sich durch die Zeit zu bewegen … bedeutet einen ständigen Wandel der Perspektive. Deshalb sehe ich mich selbst, mein Leben und meine Welt immer wieder mit neuen Augen. Es ist leicht, das Staunen nicht zu verlieren, wenn sowohl ich als auch die Welt sich fortwährend verändern. Ein wenig Anstrengung erfordert nur die Entscheidung, den Wandel als Freund und Lehrer zu betrachten.

„Ich liebe die Wissenschaft. Ich liebe Lyrik und Philosophie. Ich liebe Neugier und Empathie. Ich fürchte, dass meine Art der Liebe leise ist, während die Liebe zum Nehmen und Besitzen und die Hingabe an ein unstillbares Verlangen sehr, sehr laut sind.“

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© Courtesy of  Jarod K. Anderson

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