Bringt SkinnyTok die toxische Diätkultur der 1990er-Jahre zurück? Der Konflikt mit Body Positivity
SkinnyTok hat sich zu einem der umstrittensten Trends im Internet entwickelt und die Debatte über extremes Dünnsein, Diätkultur und unrealistische Schönheitsideale neu entfacht. Während die Body-Positivity-Bewegung seit Jahren enge Definitionen von Schönheit infrage stellt, wirft der Aufstieg von SkinnyTok eine wichtige Frage auf: Erleben wir die Rückkehr des „Heroin Chic“ der 1990er-Jahre – und lässt sich das Streben nach Schlankheit mit der Akzeptanz des eigenen Körpers vereinbaren?
Wofür Body Positivity ursprünglich stand
Heute begegnet uns die Body-Positivity-Bewegung vor allem in den sozialen Medien. Tatsächlich existiert sie jedoch schon viel länger, als wir vielleicht denken.
Eine von Forschenden des kanadischen Department of Health, Aging & Society der McMaster University und des Department of Recreation and Leisure Studies der University of Waterloo durchgeführte Studie kommt zu dem Schluss, dass Body Positivity ihren Ursprung im Aktivismus Schwarzer Menschen hat, die sich gegen die zunehmende Fettfeindlichkeit in Nordamerika zur Wehr setzten. Ihr Engagement richtete sich gegen die vorherrschenden, weiß geprägten Schönheitsnormen, durch die Schwarze Körper bis heute marginalisiert werden.
Die schädliche und verzerrte Darstellung Schwarzer Körper hat eine lange Geschichte. Ein erschütterndes Beispiel ist das Schicksal von Saartjie Baartman, die als „Hottentottenvenus“ bekannt wurde. Baartman war eine versklavte Schwarze Frau mit einem fülligeren Körper, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Europa öffentlich zur Schau gestellt wurde. Dort wurde sie von einem weißen Publikum angestarrt und zur Unterhaltung sogar berührt.
Viele Jahrzehnte später, in den 1980er- und 1990er-Jahren, gewann die Fat-Rights-Bewegung zunehmend an Bedeutung, obwohl der Begriff „Body Positivity“ damals noch nicht gebräuchlich war. Menschen wandten sich öffentlich gegen fettfeindliche Werbung und die schädlichen Botschaften der Diätindustrie. Ihr Ziel war einfach: Alle Menschen sollten ermutigt werden, ihren Körper unabhängig von seiner Größe anzunehmen und zu lieben.
Wie Body Positivity das Bild vom „idealen Körper“ bekämpft
Es gibt deutliche Belege dafür, dass die Body-Positivity-Bewegung das vorherrschende Ideal des vermeintlich „perfekten“ weiblichen Körpers infrage stellt. Dieses dominiert bis heute Werbung, Zeitschriftencover und das Internet: jung, weiß, nichtbehindert, cisgeschlechtlich und schlank. Es wird auch als westliches Schönheitsideal bezeichnet.
Die Vorstellung vom „idealen Körper“ wird meist von jenen Körpern geprägt, die in unserer Kultur besonders gefeiert werden – häufig von den Körpern prominenter Personen oder Influencer:innen. Eine Studie von Foley Sypeck, Gray und Ahrens aus dem Jahr 2004 ergab, dass Modemagazine in den 1980er- und 1990er-Jahren zunehmend noch dünnere Models auf ihren Titelseiten zeigten. Zudem verwendeten sie häufiger Ganzkörperaufnahmen anstelle reiner Porträts, wodurch die Aufmerksamkeit der Leser:innen noch stärker auf Körpergröße und -form gelenkt wurde.
Eine weitere Untersuchung zeigte jedoch, dass Body-Positive-Bildunterschriften unter echten Fitnessbeiträgen auf Instagram dazu beitrugen, dass Menschen ihren Körper positiver wahrnahmen. Eine andere Forschungsgruppe wollte herausfinden, wie groß der Einfluss von Body Positivity tatsächlich sein kann. Sie zeigte jungen Frauen Instagram-Beiträge mit dünnen oder durchschnittlich gebauten Frauen – teils mit Body-Positive-Botschaften, teils ohne. Die Ergebnisse waren eindeutig: Bilder von durchschnittlich gebauten Frauen, insbesondere in Verbindung mit positiven Botschaften, verringerten die Unzufriedenheit der Teilnehmerinnen mit ihrem eigenen Körper und stärkten ihre Selbstwertschätzung – verglichen mit jenen, die ausschließlich Bilder dünner Frauen sahen.

#BodyPositivity vs #SkinnyTok
Auf TikTok finden sich unter dem Hashtag #bodypositivity mehr als vier Millionen Beiträge. Sie zeigen eine beeindruckende Vielfalt unterschiedlicher Körpertypen. In einer Welt, in der die Zahl der Schönheitsoperationen kontinuierlich steigt, zelebriert dieser Trend individuelle Schönheit und normalisiert Merkmale, die von der Schönheitsindustrie lange Zeit verteufelt wurden.
Das neueste Phänomen in den sozialen Medien ist jedoch #SkinnyTok. Wer den Begriff mittlerweile auf TikTok sucht, wird zu einer Hilfeseite für psychische Gesundheit weitergeleitet. TikTok verhindert die Suche nach „skinnytok“, da der Hashtag dazu genutzt wurde, extremes Dünnsein sowie schädliche und ungesunde Abnehmtipps zu verherrlichen. Auf Instagram geschieht dasselbe: Der Hashtag wurde gesperrt. Bei einer entsprechenden Suche erscheint stattdessen der Hinweis: „Dein Wohlbefinden ist wichtig. Wenn du häufig über dein Gewicht oder deine Essgewohnheiten nachdenkst, können dir diese Hilfsangebote weiterhelfen.“
Bei SkinnyTok ging es nie um Wohlbefinden. Das zeigen bereits die Hashtags, die regelmäßig damit einhergehen: #heroinchic – ein umstrittener Trend aus den 1990er-Jahren, der eine extrem dünne, blasse und kränklich wirkende, mit Drogenmissbrauch verbundene Ästhetik romantisiert – und #thinspo, kurz für „thin inspiration“, also Inspiration zum Dünnsein. Letztlich lösten Videos nach dem Muster „Was ich an einem Tag esse“ und sogenannte „Body Checks“ Ängste und Unsicherheiten in Bezug auf den eigenen Körper aus. Doch dieses Mal fiel die öffentliche Reaktion deutlich aus. Auf Instagram erscheinen zuerst Hashtags wie #skinnytokistoxic und #skinnytokexposed, die den Unmut vieler Menschen über solche Inhalte zum Ausdruck bringen. Hunderte Nutzer:innen wehren sich inzwischen gegen die Rückkehr des extremen Schlankheitsideals. In ihren Bildunterschriften bezeichnen sie es als Propaganda, die uns aufgezwungen wird – und nicht als etwas, dem wir nacheifern sollten.
„Dein Wohlbefinden ist wichtig.
Wenn du häufig über dein Gewicht oder deine Essgewohnheiten nachdenkst, können dir diese Hilfsangebote weiterhelfen.“

Dünn ist zurück – direkt aus den 90ern
„Nichts schmeckt so gut, wie sich Dünnsein anfühlt“, sagte einst das ehemalige Supermodel Kate Moss. Die umstrittene Aussage entfuhr ihr 2009 während eines Interviews. Inzwischen hat sie sich offen davon distanziert und klargestellt, dass dieses Motto ursprünglich nicht einmal von ihr stammte. Dass wir noch heute über dieses berüchtigte Zitat sprechen, sagt jedoch einiges über unser fortwährendes Verhältnis zu toxischen Schönheitsidealen aus – insbesondere zu jenen, die uns online als visuelle Inspiration präsentiert werden. Schließlich war Kate Moss nicht nur das It-Girl der 90er-Jahre, sondern auch das Gesicht der Heroin-Chic-Ästhetik.
Die Wiederbelebung des extremen Schlankheitskults durch Hashtags wie #skinnytok sollte uns nachdenklich stimmen: Haben wir jemals wirklich an jene Körperakzeptanz geglaubt, für die wir uns eingesetzt haben? Leben wir in einer Ära nach Body Positivity?
Es scheint so. Waren die 90er-Jahre geprägt von Stars im Heroin-Chic-Look und der Verherrlichung von Dünnsein, Rauchen und Drogenkonsum, so stehen die größten Berühmtheiten unserer Zeit für Schönheitsoperationen wie die Entfernung des Wangenfetts. Dabei werden die natürlichen, tief im unteren Gesichtsbereich liegenden Fettpolster operativ entfernt, wodurch die Wangen dauerhaft schmaler wirken – ästhetisch betrachtet ist das gar nicht so weit vom Heroin Chic entfernt. Hinzu kommt der Ozempic-Boom. Ursprünglich als Diabetesmedikament entwickelt, erfreut sich Ozempic inzwischen auch als Mittel zur Gewichtsabnahme großer Beliebtheit. Seit seiner Markteinführung im Jahr 2018 sind die Umsätze rasant gestiegen: Damals lagen sie bei rund 280 Millionen US-Dollar, 2024 bereits bei fast 18 Milliarden US-Dollar. Heute ist Ozempic deutlich erfolgreicher als einige andere Medikamente wie Januvia, dessen Umsatz von 3,7 Milliarden US-Dollar im Jahr 2017 auf nur noch 1,3 Milliarden US-Dollar im vergangenen Jahr sank.
„Nichts schmeckt so gut, wie sich Dünnsein anfühlt“
– Das ehemalige Supermodel Kate Moss
Können die Skinny- und die Body-Positivity-Bewegung nebeneinander bestehen?
Beginnen wir mit dem grundlegenden Unterschied zwischen den beiden Strömungen: Während die Skinny-Bewegung dünne Körper über alle anderen stellt und sie als idealen Körpertyp präsentiert, versucht die Body-Positivity-Bewegung, genau diese Hierarchie aufzubrechen.
Eine Studie von Sarah-Jane Stewart und Jane Ogden von der University of Surrey im Vereinigten Königreich zeigt, dass die Darstellung vielfältigerer Körpertypen in den Medien dazu beiträgt, gewichtsbezogene Vorurteile abzubauen. Wenn Menschen regelmäßig Bilder von Personen mit höherem Körpergewicht sehen, begegnen sie diesen tendenziell mit größerer Akzeptanz und weniger Vorurteilen. Dies deutet darauf hin, dass die Medien ein breiteres Spektrum an Körpern zeigen sollten, um Stigmatisierung zu verringern. Die soziokulturelle Theorie erklärt, dass die ständige Konfrontation mit dem Schlankheitsideal den Eindruck erwecken kann, Dünnsein sei gleichbedeutend mit Glück oder Erfolg. Indem wir mehr körperliche Vielfalt sichtbar machen, können wir diese Vorstellungen infrage stellen und eine gesündere Einstellung zum Thema Gewicht fördern.
Der Aufstieg von SkinnyTok zeigt, dass das gesellschaftliche Verhältnis zum Körperbild weiterhin von tiefen Widersprüchen geprägt ist. Die Body-Positivity-Bewegung hat zwar dazu beigetragen, die Vorherrschaft eines einzigen Schönheitsideals infrage zu stellen. Die Rückkehr von Inhalten, die Dünnsein verherrlichen, macht jedoch deutlich, wie hartnäckig sich diese Normen halten. Dünne Körper und Body Positivity schließen einander grundsätzlich nicht aus. Der Konflikt entsteht erst, wenn Dünnsein als idealer Körpertyp dargestellt wird, dem alle Menschen nacheifern sollten. Da soziale Medien unsere Schönheitsnormen weiterhin maßgeblich prägen, erinnert uns die Debatte um SkinnyTok daran, wie wichtig Repräsentation ist – und dass echte Körperakzeptanz bedeutet, Raum für die Vielfalt aller Körper zu schaffen, anstatt einen davon über die anderen zu stellen.
Titelbild:
© Jade Destiny via Unsplash
