Amber Cowan über Glas, Handwerkskunst und die Schönheit zerbrochener Fragmente
Die Glaskünstlerin Amber Cowan verwandelt industrielle Glasreste, antike Fragmente und vergessene Gegenstände in filigrane Skulpturen, die Geschichte, Handwerkskunst und Fantasie miteinander verbinden. In diesem Interview spricht Cowan über ihre Sammelpraxis, die Geschichten, die in ausrangiertem Glas verborgen liegen, und darüber, wie zerbrochene Fragmente durch Flammenbearbeitung zu neuem Leben erweckt werden können.
In den Werken von Amber Cowan verwandelt sich ausrangiertes Glas in filigrane Skulpturen, die Handwerkskunst, Geschichte und Erinnerung miteinander verbinden. Mit ihrem unverwechselbaren Ansatz schenkt sie Fragmenten aus vergessenen Gegenständen und stillgelegten Glasfabriken ein neues Leben. So lädt sie die Betrachtenden dazu ein, die im Material verborgenen Geschichten, Traditionen und historischen Spuren genauer zu erkunden.


Ihre Skulpturen bestehen aus Fragmenten, die einst jemand anderem gehörten. Spüren Sie manchmal eine Verbindung – oder auch eine Spannung – zwischen dem früheren und dem neuen Leben eines solchen Stücks?
Ich habe in der Vergangenheit einige sehr interessante Schenkungen erhalten. Eine Frau aus Michigan schickte mir eine Zuckerdose, die Ende des 19. Jahrhunderts auf einer State Fair gewonnen und ihrer Urgroßmutter geschenkt worden war. Die Schale war zerbrochen, und sie wollte sie nicht einfach wegwerfen. Ich integrierte sie in eines meiner Werke und rückte sie dabei bewusst in den Mittelpunkt. Bei diesem Werk hatte ich das Gefühl, die Schenkung damit zu würdigen.
Sie recyceln Glas nicht einfach, sondern verleihen ihm eine völlig neue Identität. Wie entscheiden Sie, welches Fragment Sie retten möchten? Lassen Sie sich dabei von praktischen Überlegungen, von Gefühlen oder von einer Mischung aus beidem leiten?
Ich bin Sammlerin und ständig auf der Suche nach Stücken, von denen ich glaube, dass sie eines Tages ihren Weg in eines meiner Werke finden könnten. In meinem Atelier habe ich eine ganze Wand voller Regale mit farblich sortierten Stücken, die ich vielleicht irgendwann verwenden werde. Manchmal ist die Entscheidung praktischer Natur, weil ein Fragment aufgrund seiner Größe und Proportionen in das Werk passt. In anderen Fällen ist es ein bestimmtes Gefühl, das ich mit dem Stück verbinde, oder seine Oberflächenstruktur zieht mich an. Ich liebe Glas mit einer interessanten Struktur oder einem besonderen Muster.


In Ihrer Arbeit liegt etwas Paradoxes: Glas wirkt zerbrechlich und überdauert dennoch Generationen. Haben Ihre eigenen künstlerischen Erfahrungen die Art verändert, wie Sie Verletzlichkeit verstehen?
Ich habe gelernt, viel leichter loszulassen. Glas ist ein so unberechenbares Material, dass während des Arbeitsprozesses ständig etwas zerbricht. Ich musste schon vor langer Zeit lernen, es einfach hinzunehmen und zu sagen: Weiter! Sobald meine Werke jedoch fertiggestellt sind, sind sie sehr stabil und werden tatsächlich Generationen überdauern. Ich bin stolz auf meine handwerkliche Qualität.
Ihre Skulpturen wirken traumartig und erinnern an Szenen aus Märchen. Sie beschreiben Ihre Arbeiten als Werke, die sich instinktiv dem Horror Vacui zuwenden. Was berührt Sie an dieser Ästhetik auf künstlerischer Ebene?
Ich habe mich schon seit meiner Kindheit zu dieser Art von Ästhetik hingezogen gefühlt, und das ist bis heute so geblieben. Ich liebte „Wo ist Walter?“ und andere Bücher und Kunstwerke, die man immer wieder betrachten kann und in denen man jedes Mal etwas Neues entdeckt.
Unter der Oberfläche Ihrer künstlerischen Praxis scheint Verlust eine Rolle zu spielen – nicht nur das Verschwinden von Glasfabriken, sondern auch das Verschwinden von Erinnerungen und Traditionen. Ist das kreative Schaffen für Sie zu einer Form der Trauer geworden, oder geht es dabei eher um Heilung?
Ich betrachte es eigentlich weder unter dem Aspekt der Trauer noch unter dem der Heilung. Für mich geht es darum, vergessene Geschichten zu erzählen. Ich gebe den Betrachtenden eine Hintergrundgeschichte, in die sie eintauchen können, wenn sie ein Werk über die rein oberflächliche Wahrnehmung hinaus erkunden möchten. Gleichzeitig würdige ich damit seltene Stücke, die nie wieder hergestellt werden.

Mit zerbrochenen Fragmenten zu arbeiten bedeutet, zu akzeptieren, dass Perfektion unmöglich ist. Hat Ihre Beziehung zur Unvollkommenheit in der Kunst auch die Art verändert, wie Sie mit Ihren eigenen Unvollkommenheiten als Mensch umgehen?
Ich bin mir nicht sicher, ob ich jemals darüber nachgedacht habe, wie sich die Unvollkommenheiten meines Glases auf meinen Umgang mit meinen eigenen Unvollkommenheiten auswirken … Ich weiß, dass dieses Material sehr anspruchsvoll ist und jede von mir verwendete Farbe ihre ganz eigenen Eigenschaften besitzt, auf die ich mich einstellen muss. Einige Farben sind technisch wesentlich schwieriger zu verarbeiten als andere. Ich verwende im wahrsten Sinne des Wortes Glasabfall und verwandle ihn in etwas Schönes. In diesem Sinne kann ich wohl viel Gutes in etwas erkennen, das andere Menschen lediglich als Müll betrachten.
In Ihren Skulpturen tauchen immer wieder Blumen, Ranken und organische Formen auf – fast so, als würde sich die Natur das zurückholen, was die Industrie hinterlassen hat. Welche Bedeutung hat die Begegnung zwischen dem Hergestellten und dem Organischen für Ihre Kunst?
Ich glaube, dass die Gegenüberstellung organischer und anorganischer Glasformen den Werken Leben verleiht. Viele meiner Arbeiten zeigen eine Vase, aus der organische Formen herauswachsen und die sich um das Werk herum ausbreiten – so wie eine Vase mit Blumen auf einem Tisch. Doch dann müssen die Betrachtenden erkennen, dass alles aus Glas besteht. Häufig füge ich auch Tropfen, Schmetterlinge oder Vögel hinzu, um dem Werk Bewegung zu verleihen. Ich möchte, dass die Betrachtenden beim Ansehen meiner Arbeiten Leben und Bewegung wahrnehmen und daran erinnert werden, dass das Glas bei seiner Verarbeitung flüssig war.
Wenn Sie ganz in die Entstehung eines Ihrer Kunstwerke vertieft sind, welches Gefühl überwiegt dann in Ihnen? Und verändert es sich von Werk zu Werk?
Meine Werke gleichen einem Puzzle. Ich versuche ständig herauszufinden, wie alles zusammenpasst und sich zu einer vollständigen Geschichte fügt. Es begeistert mich, dieses Puzzle zu lösen. Wenn die einzelnen Teile harmonieren und ich mir das endgültige Erscheinungsbild vorstellen kann, ist das sehr erfüllend.


Ihre Arbeit lädt uns dazu ein, langsamer zu werden und wahrzunehmen, was bisher übersehen wurde. Glauben Sie, dass wir in einer Kultur, die von ständiger Neuheit besessen ist, verlernt haben, eine emotionale Verbindung zu dem aufzubauen, was direkt vor uns liegt?
Ich glaube, die Menschen sehnen sich nach Entschleunigung. Handwerkskunst erinnert uns ganz allgemein daran, wie wichtig das von Hand Geschaffene ist. Insbesondere angesichts des Aufstiegs der KI in der Kunst wenden sich die Menschen meiner Meinung nach verstärkt dem Handwerk zu, weil es ihnen jene Erfahrung von Haptik vermittelt, die ihnen fehlt.
Stellen Sie sich vor, jemand entdeckt in hundert Jahren eine Ihrer Skulpturen, ohne Ihren Namen oder Ihre Geschichte zu kennen. Welche Botschaft sollte für diese Person im Glas bewahrt geblieben sein?
Auf einer ersten Ebene werden die Menschen hoffentlich die Schönheit der Werke und die Komplexität ihrer Formen schätzen. Auf einer weiteren Ebene sollen sie das hohe Maß an technischem Können im Umgang mit dem Material und die Hingabe an die handwerkliche Praxis erkennen, die erforderlich waren, um Werke wie meine entstehen zu lassen. Und schließlich werden sie hoffentlich die Wertschätzung für die Geschichte verstehen, die sich in den verschiedenen Epochen des in jedem Werk verwendeten Glases widerspiegelt.
Ich möchte noch hinzufügen, dass der Großteil des von mir verwendeten Materials aus Glasbruch beziehungsweise industriellen Glasresten stillgelegter Glasfabriken besteht. Das Material sieht aus wie zerbrochene Scherben oder sogar wie Glassteine. Ich erhitze diese Stücke, schmelze sie ein und forme daraus den größten Teil dessen, was man in einer Skulptur sieht. Die antiken Stücke werden collageartig in diese Formen integriert, sodass ein nahtloses Gesamtbild entsteht. Es ist eine Art Versteckspiel mit Antiquitäten und den Elementen, die ich durch die Flammenbearbeitung der zerbrochenen Glasreste selbst erschaffe.
Alle Bilder:
© Mit freundlicher Genehmigung von Amber Cowan