Lakecia Benjamin | Träumen in der Gegenwart

Mit „We Dream“ wendet sich die New Yorker Saxofonistin vom persönlichen Überleben einer kollektiven Realität zu, die sich noch immer entfaltet. Im Gespräch mit dem Luxiders Magazine spricht sie über politische Kunst, die Grenzen instrumentaler Sprache, das fragile kulturelle Ökosystem New Yorks, visuelle Identität und die mentale Disziplin hinter einer dauerhaften Karriere.

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Lakecia Benjamin hat Jazz nie als abgeschlossene Tradition betrachtet. Die in Washington Heights aufgewachsene New Yorker Altsaxofonistin, Komponistin und Bandleaderin hat eine Karriere aufgebaut, die von Funk, R&B, Spiritual Jazz und rasanten Improvisationen geprägt ist. Bewegung ist Teil ihrer musikalischen Sprache. Ihr sechstes Studioalbum „We Dream“ markiert jedoch einen anderen Wendepunkt. Dieses Mal blickt sie nicht auf eine bereits überstandene Krise zurück. Sie dokumentiert eine Krise, die noch immer ungelöst ist.

Benjamins 2023 veröffentlichtes Album „Phoenix“ entstand nach einem beinahe tödlichen Autounfall und verwandelte ihren Genesungsprozess in Musik. „We Dream“, erschienen bei Artwork Records, erweitert den Blickwinkel. Die elf Kompositionen bewegen sich zwischen Jazz, Soul, Funk, Hip-Hop und Spoken Word. Mit dabei sind Terence Blanchard, Chief Xian aTunde Adjuah, Hiromi, Chris Potter, Jeff „Tain“ Watts, Bilal, Tarriona „Tank“ Ball und Co-Produzent Kassa Overall. Benjamin beschreibt das Album als eine gemeinsame Reise, weigert sich jedoch vorzugeben, dass deren Ziel bereits sichtbar sei. „Ich habe keine Ahnung“, sagt sie auf die Frage, wie diese neue Welt aussehen könnte. „Wir befinden uns gerade mittendrin.“

Diese Antwort bringt die Dringlichkeit unseres Gesprächs auf den Punkt.

„Phoenix“ beschäftigte sich mit persönlichem Überleben, während „We Dream“ den Blick auf unsere gemeinsame Zukunft richtet. Was hat sich an Ihrem Verständnis Ihrer Rolle als Künstlerin verändert?

Das gesellschaftliche Klima auf der ganzen Welt hat sich verändert. „Phoenix“ war stärker selbstreflektierend. Es ging um meine Genesung nach dem Unfall und dessen Folgen: Das ist passiert, hier stehe ich nach der Tragödie, und das ist die Botschaft, die ich nun weitergeben kann.

„We Dream“ geschieht in diesem Moment. Es ist keine Geschichte, die im Nachhinein erzählt wird. Die meisten meiner Alben erzählen von etwas, das bereits passiert ist, und präsentieren diese Geschichte anschließend dem Publikum. Dieses Mal erleben wir alle sie gemeinsam in der Gegenwart.

 

Sie verstehen „We Dream“ als eine filmische Reise. Wie würde die „neue Welt“ des Albums aussehen?

Ich habe keine Ahnung. Wir befinden uns gerade mittendrin. Es ist keine Vision dessen, was in Zukunft geschehen könnte, sondern eine Reflexion über unser gegenwärtiges Umfeld und das, was jetzt passiert. Meine anderen Alben waren eher Geschichten über mich selbst. Dieses Album nimmt eine kollektive Perspektive ein. Die Gäste, die Gesellschaft und alle Zuhörenden sind Teil der Reise.

 

Nina Simone riskierte ihre Karriere, indem sie ihre Musik politisch machte. Was trauen sich Kunstschaffende bis heute nicht auszusprechen?

Ich kann nicht für alle sprechen. Ich gehe nicht mit der Frage an meine Arbeit heran, ob ich politisch sein werde. Ich frage mich, welche Botschaft ich vermitteln möchte. Das Werk jedes Kunstschaffenden sollte den eigenen Lebenssinn und die eigene Wahrheit zum Ausdruck bringen. Manche entscheiden sich dafür, Politik zur Grundlage ihrer Arbeit zu machen. Das macht sie weder besser noch schlechter. Es bedeutet lediglich, dass sie vielleicht eine andere Aufgabe haben.

Wenn ich 2026 sage, dass ich Menschen jeder Hautfarbe und aus jedem Land liebe, dass ich die Gerichte aller Kulturen schätze und reisen, zusammenkommen und gemeinsam Zeit verbringen möchte, kann das als politisch wahrgenommen werden. Zu einer anderen Zeit wäre es das vielleicht nicht gewesen.

Wahrscheinlich bin ich heute weniger vorsichtig. Wie Nina Simone glaube ich, dass Kunst ihre Zeit widerspiegelt. Solange ich lebe, besteht meine Aufgabe darin, das Geschehen zu dokumentieren. Wenn den Menschen nicht gefällt, was ich dokumentiere, sollten sie ändern, was geschieht.

Letztlich möchte ich, dass meine Musik Menschen inspiriert, verändert oder etwas in ihnen auslöst. Wenn jemand einen schlechten Tag hat, soll meine Musik ihn besser machen – oder der Person zumindest im weiteren Verlauf des Tages Trost schenken. Kunstschaffende sind für die Menschen da.

Warum haben Sie Angela Davis’ Stimme in „Amerikkan Skin“ eingebunden?

Mir war bewusst, dass ihre Auswahl für Verwirrung sorgen und manche Menschen bei ihrer Interpretation vielleicht etwas zu weit gehen würden. Ich wollte eine Stimme, die sofort erkannt wird. Wenn man ihren tatsächlichen Worten zuhört, stellt sie jedoch lediglich all die Frauen vor, die auf dem Album zu hören sind. Sie spricht nicht über soziale Gerechtigkeit. Allein ihre Präsenz führt dazu, dass Menschen Vermutungen über das Geschehen anstellen, ohne auf ihre Worte zu achten.

Mit den Sirenen verhält es sich ähnlich. Ich begann das Album mit dem ersten Geräusch, an das ich mich nach meinem Unfall erinnern kann. Ich kam immer wieder zu Bewusstsein, überall war Blut, und ich hörte den Krankenwagen näher kommen. Das bedeuteten die Sirenen für mich.

Ich hatte aber auch Freunde, die während der Covid-Pandemie in New York viele Menschen verloren haben. Sie hörten die Sirenen, die kamen, um ihre Angehörigen abzuholen. Später, während der Proteste in New York, dachten andere beim Klang von Sirenen sofort an die Polizei. Meine Patentante erzählte mir, dass sie beim Abspielen des Albums nach Polizisten Ausschau hält, weil sie das Gefühl bekommt, von ihnen verfolgt zu werden.

Ich wollte diese unterschiedlichen Realitäten gezielt zeigen. Für mich hatte der Klang eine medizinische Bedeutung. Für andere stand er für Polizeigewalt oder einen anderen Notfall. Ich wollte, dass wir alle in diesem gemeinsamen Gefühl beginnen, das die Pandemie geprägt hat. Natürlich bewundere ich auch Angela Davis und alles, was sie geleistet hat. Ihre kraftvolle Stimme eignete sich hervorragend, um die außergewöhnlichen Gäste des Albums vorzustellen.

 

Ihre eigene Stimme und Spoken Word nehmen auf „We Dream“ mehr Raum ein. Wann reicht das Saxofon nicht mehr aus?

Viele Menschen lernten meine Musik erstmals durch „Pursuance: The Coltranes“ kennen, aber davor hatte ich bereits zwei Funk-Alben aufgenommen. Damals rappte ich, und Rap war schon immer Teil meiner Live-Shows.

„We Dream“ ist eine verletzliche, persönliche Reise. Ich wollte die Zuhörenden direkt in meinen konkreten Gemütszustand versetzen. Wenn man mit dem Saxofon beginnt, müssen die Menschen die Bedeutung erraten. Vielleicht glaube ich, etwas sehr Trauriges zu spielen, während jemand anderes es als glücklich, strahlend und schön empfindet. Instrumentalmusik schafft eine Art zweisprachige Beziehung zwischen Kunstschaffenden und Publikum: Die Zuhörenden versuchen zu verstehen, was ich sage, und ich versuche zu erahnen, wie sie die Bedeutung vervollständigen.

Worte geben die Richtung deutlicher vor. Auf „Phoenix“ halfen Sonia Sanchez, Angela Davis und Wayne Shorter dem Publikum, die Botschaft durch Sprache zu verstehen. Wenn die Zuhörenden auf „We Dream“ mich, Bilal, Tank und Kassa hören, können sie die einzelnen Teile des Albums unmittelbarer zusammenfügen. Während jeder Song in eine andere Stimmung übergeht, kann Spoken Word die Zuhörenden an den jeweiligen Punkt der Reise zurückführen.

Dieser Schritt machte mich verletzlich. Er kann den Zuhörenden jedoch helfen, sowohl das Album als auch mich besser zu verstehen. Es ist beinahe so, als hätten sie mich in einem Gespräch wie diesem sprechen gehört.

Sie wollten „We Dream“ nicht ausschließlich im Kontext rassistischer Gewalt verstanden wissen. Vor welcher umfassenderen Gefahr möchten Sie warnen?

Ich habe dieses Album nicht nur gemacht, weil Schwarze Menschen in den USA rassistische Gewalt erleben. Ich habe es gemacht, weil jede Gemeinschaft auf der Welt mit ernsten Problemen konfrontiert ist. Ob ich mich in Berlin, Südafrika oder an einem anderen Ort befinde, spielt keine Rolle – die Nachrichten sind überwältigend, und die Menschen müssen wieder enger zusammenrücken.

Natürlich beschäftigt mich die rassistische Gewalt gegen Schwarze Menschen, denn sie existierte bereits vor meiner Geburt. Beängstigend ist heute das Gefühl, dass sich Gewalt und Unterdrückung ausweiten und niemand davon ausgenommen ist. Es geht nicht nur um eine einzelne Minderheit oder Mehrheit. Es ist ein Aufruf, aufzuwachen und sich umzusehen.

In den USA gibt es Schießereien an Schulen und Polizeigewalt. An anderen Orten müssen Tourneetermine abgesagt werden, weil Gemeinschaften unter Gewalt oder religiösen Konflikten leiden. Die Menschen scheinen vergessen zu haben, dass jeder Mensch ein Mensch ist. Die Religion darf das nicht auslöschen. Musik entstand als eine Möglichkeit, uns zusammenzubringen.

 

Wie hat sich die New Yorker Musikkultur seit Ihrer Kindheit in Washington Heights verändert – und was geht dabei verloren?

Ich bin mir nicht sicher, ob sich die New Yorker Kultur selbst verändert. Ich kann in ein anderes Land reisen und dort Menschen auf Englisch rappen oder Musik aus New York spielen hören. Verändert haben sich die Bedingungen, unter denen Kunst entsteht.

Nach der Pandemie wurden die Menschen isolierter. Früher trafen sie sich persönlich. Wer jemanden kennenlernen wollte, ging zu einem Konzert, aß gemeinsam, kam mit anderen ins Gespräch und sagte Hallo. Heute bleiben viele vielleicht zu Hause und nutzen eine App. Die Gesellschaft verlernt, Zeit miteinander zu verbringen.

Hinzu kommt die wirtschaftliche Realität. Menschen auf der ganzen Welt kämpfen mit finanziellen Problemen. Sie können nicht in einen Jazzclub kommen und zwanzig Dollar für mein Konzert ausgeben, wenn sie sich zwischen dem Clubbesuch und einem Sandwich entscheiden müssen. Politik und Wirtschaft beeinflussen die Kultur auf eine Weise, die wir nicht ignorieren können. Musik gedeiht, wenn die Menschen genug Geld haben und ausgehen können. Sie wenden sich der Musik auch zu, um dem Druck des Lebens zu entkommen. Clubbetreiber müssen jedoch weiterhin Steuern und laufende Kosten bezahlen. Wir erleben gerade keine besonders unbeschwerte Phase der Geschichte.

Gleichzeitig sehe ich, dass neue Clubs eröffnen. In New York sind kürzlich neue Spielstätten wie The Pocket hinzugekommen, und es wurde über eine mögliche Eröffnung von Ronnie Scott’s gesprochen. Blue Note expandiert nach London. Das beweist nicht, dass es allen gut geht – genauso wenig, wie die Eröffnung eines Supermarkts bedeutet, dass es keine obdachlosen Menschen gibt. Es zeigt aber Hoffnung. Mir ist lieber, die Menschen bleiben zuversichtlich und versuchen es, als dass sie aufgeben, bevor sie überhaupt begonnen haben.

 

Beeinflussen Langlebigkeit, Wiederverwendung oder bewusste Entscheidungen die Wahl Ihrer Bühnenkleidung?

Nicht bewusst. Ich bin offen: Wenn ich in einem Secondhandladen etwas finde, das mir gefällt, trage ich es. In erster Linie suche ich jedoch nach Kleidung, die meine Persönlichkeit widerspiegelt. Vor Kurzem entdeckte ich in Paris ein wunderbares Geschäft mit einem stärkeren Vintage-Charakter. Altes kehrt immer wieder als etwas Neues zurück, und alles Neue wird irgendwann alt.

Ich trage nur wenige Kleidungsstücke tierischen Ursprungs, weil dafür ein Tier sterben musste. Optisch befinde ich mich gerade in einer Phase mit leuchtenden, metallischen Outfits. Sie vermitteln ein futuristisches, afrozentrisches Gefühl. Das Publikum nimmt sie manchmal als Superheldenkostüme wahr.

Ich war schon immer der Ansicht, dass die Menschen erkennen sollten, wer man ist, bevor man spielt. Sobald jemand einen sieht, entsteht ein erster Eindruck. Das gilt auch auf der Bühne: Das Publikum sollte nicht während der gesamten Show rätseln müssen, wer man ist. Die komplette Performance ist darauf ausgelegt, genau das sichtbar zu machen. Am Ende können die Menschen entscheiden, ob sie sich mit dem identifizieren, wofür die Künstlerin oder der Künstler steht.

 

In „Ascension“ sagen Sie: „Erkenne das Echte, es ist ein Schlachtfeld.“ Welches Schlachtfeld meinen Sie?

Den Planeten Erde. Für Kunstschaffende gehören jedoch besonders mentale Stabilität und Ausdauer zu den wichtigsten Voraussetzungen für eine langfristige Karriere.

Man baut gleichzeitig eine Karriere und eine Zukunft auf, und bei jedem Schritt muss man an sich selbst glauben. Man braucht den Mut, Hiromi anzurufen, um etwas zu bitten, eine Entscheidung zu treffen und keine Angst zu haben. Jeden Tag kämpft man mit dem eigenen Selbstwertgefühl, den eigenen Dämonen, Gefühlen der Isolation und dem persönlichen Verständnis von Familie und Gemeinschaft.

Ich glaube, die stärksten Kunstschaffenden – diejenigen mit den längsten Karrieren – haben auf irgendeine Weise gelernt, sich nicht von den eigenen Gedanken aus dem Spiel nehmen zu lassen. Die Musik ist anspruchsvoll, doch dazu kommt noch das Musikgeschäft. Und dieses Geschäft ist eine enorme mentale Herausforderung.

 

Was hat Sie dazu bewegt, die Werke von John und Alice Coltrane auf „Pursuance: The Coltranes“ neu zu interpretieren?

Es begann mit der Musik, doch eigentlich ging es um alles. Damals hatte ich das Gefühl, mich selbst zu verlieren. Meine ersten beiden Alben waren stärker vom Funk geprägt, ich spielte mit Stevie Wonder und anderen Funk-Künstlern, und meine Band SoulSquad lief gut. Doch es langweilte mich zunehmend, generische Musik in derselben Tonart zu spielen, nur damit alle auf der Tanzfläche blieben. Ich spürte, wie ich jeden Tag zu einer schlechteren Saxofonistin wurde.

Ich begann zu glauben, dass ich meine Arbeit als Bandleaderin vielleicht aufgeben und Lehrerin werden müsste. Deshalb beschloss ich, meine künstlerische Karriere nicht zu beenden, ohne ihr eine letzte Chance zu geben. Ich fragte mich, welche Kunstschaffenden mir zuerst gezeigt hatten, dass ich sowohl meine Musik als auch meine humanistische Haltung auf das höchstmögliche Niveau bringen musste. Für mich waren das John und Alice Coltrane.

Ich entschied mich, mein Traumalbum mit rund 45 legendären Gästen aufzunehmen. Ich wusste nicht, ob überhaupt jemand zusagen würde. Im schlimmsten Fall, so dachte ich, hätte ich wenigstens die Platte und könnte sie während meiner Tournee mit Gregory Porter verkaufen. Ich hatte nie erwartet, dass sie meine Karriere als Bandleaderin neu beleben würde, doch ihre Veröffentlichung wurde zu einem Neustart. Meine Absicht war lediglich gewesen, eine bessere Saxofonistin zu werden und mir selbst eine letzte Chance zu geben.

Sie beschreiben „We Dream“ als eine Warnung aus dem Inneren der Krise. Wie geht die Geschichte weiter?

Ich bin mir nicht sicher. Wir befinden uns erst seit wenigen Monaten in der Phase von „We Dream“, und im Moment fühlt es sich schwierig an. Ich bin weder des Reisens noch der Musik müde. Der Unterschied liegt in der Geschichte, die ich jeden Abend erzählen muss.

Bei einem früheren Album konnte ich sagen: Seht her, ich wäre beinahe gestorben, und jetzt lebe ich. Oder: Seht, wie sehr ich die Coltranes liebe. Bei „Phoenix“ konnte ich den Menschen von etwas erzählen, das ich überwunden hatte. „We Dream“ sagt: Warnung – die Gesellschaft wird instabil, und alles fühlt sich schwer an.

Etwas aufzuführen, das man überlebt hat, fühlt sich völlig anders an, als etwas aufzuführen, das man noch immer durchlebt. Ich weiß nicht, ob wir es überwinden werden. Wenn mich Menschen fragten, wie ich „Phoenix“ hinter mir gelassen hatte, konnte ich die Geschichte im Nachhinein erzählen. Wenn sie mich fragen, wie wir über „We Dream“ hinauskommen, muss ich antworten, dass ich es nicht weiß. Ich stehe erst am Anfang.

 

Wir haben Sie gebeten, sich zu entscheiden: Miles Davis’ „Kind of Blue“ oder John Coltranes „A Love Supreme“?

Auf „A Love Supreme“ kann man nicht verzichten.

 

Aber auch Miles Davis bedeutet Ihnen offensichtlich viel.

Absolut. Was die Persönlichkeit betrifft, könnten Miles und ich kaum unterschiedlicher sein. Natürlich liebe ich John Coltrane, aber Miles Davis durfte die Musik im Laufe seiner Karriere zehn- oder elfmal neu erfinden. Er veränderte kontinuierlich seine Mode, sein Image und seinen Sound und blieb sich dabei selbst treu.

Jüngere Kunstschaffende müssen heute häufig gegen die „Jazzpolizei“ kämpfen, wenn es darum geht, wer sie sein möchten. Miles konnte sich durch all diese Musikstile bewegen und wurde akzeptiert. Man kann ihn dabei beobachten, wie er „Bitches Brew“ vor hunderttausend Menschen spielt. Er zeigt, wie einflussreich Kunstschaffende werden können, wenn sie sich intensiv auf die Musik konzentrieren.

John Coltrane ist der große Saxofonist: spirituell und technisch anspruchsvoll. Müsste ich jedoch die Karriere nennen, die die Musik am umfassendsten verändert hat, würde ich Miles Davis wählen. Er spielte praktisch alle Jazzstile, die wir heute spielen.

 

Wird der Jazz stärker, oder verliert er sein Publikum?

Es herrscht ein Spannungsverhältnis. Wir haben Schwierigkeiten, uns darauf zu einigen, was Jazz eigentlich ist. Einige Jazzmusiker sagen, sie spielten keinen Jazz, während manche Soul-Künstler ihre Musik als Jazz bezeichnen.

Junge Menschen interessieren sich sehr für Musik – besonders für Musik, die von echten Menschen geschaffen und ihnen nicht einfach von einem Algorithmus vorgesetzt wird. Die Schwierigkeit liegt in ihrer Definition. Jon Batiste kann den Preis für das Album des Jahres gewinnen, Robert Glasper kann ein riesiges Publikum erreichen, und Jazzmusiker können zu bedeutenden zeitgenössischen Künstlern werden. Doch verstehen sie sich alle in erster Linie als Jazzmusiker?

Sehen Sie sich ein Konzert von Doechii, Rihanna oder Beyoncé an. Die Musiker, die den Star begleiten, sind häufig Jazzmusiker. Es ist schwer, auf eine große Bühne zu blicken, ohne dort Jazzmusiker zu finden. Das Publikum verwendet vielleicht nicht diese Bezeichnung, doch die Musik und ihre Musiker sind längst präsent. Wir müssen geschlossener darin auftreten, wie wir das vermitteln.

 

QUICK CHOICES

Komposition oder Improvisation? Improvisation.
Konsonanz oder Dissonanz? Konsonanz – wenn es für immer sein muss.
Spiritual Jazz oder ein tiefer Funk-Groove? Ein tiefer Funk-Groove.
Klavier oder Schlagzeug? Schlagzeug.
Ein Vintage-Schatz oder ein Chanel-Klassiker? Ein Vintage-Schatz.
New York bei Sonnenaufgang oder nach Mitternacht? New York bei Sonnenaufgang.

 

Alle Bilder:
© Mit freundlicher Genehmigung von Lakecia Benjamin

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