Warum wird Fleischkonsum mit Männlichkeit und Veganismus mit Weiblichkeit assoziiert?
Im Laufe der Geschichte wurde Fleischkonsum immer wieder mit Männlichkeit in Verbindung gebracht, geprägt von Aussagen wie „Echte Männer essen richtiges Essen“. Frauen hingegen entscheiden sich häufiger für eine vegane, vegetarische oder pflanzenbasierte Ernährung. Hängt dies mit der Vorstellung zusammen, dass Frauen einen „kleineren“ Appetit haben sollten, und mit patriarchalen Machtstrukturen, denen sowohl Frauen als auch Tiere unterworfen sind? Die geschlechtsspezifischen Unterschiede beim Fleischkonsum könnten auf überholte Geschlechterrollen und die Botschaften moderner Lebensmittelwerbung zurückzuführen sein.
Beim Veganismus zeigen sich deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede. Eine Umfrage der Vegan Society aus dem Jahr 2025 ergab, dass nur 37 % der vegan lebenden Bevölkerung im Vereinigten Königreich männlich sind. Gleichzeitig ernähren sich mittlerweile 14 % der britischen Bevölkerung fleischfrei. Auch eine 2024 veröffentlichte Langzeitstudie über einen Zeitraum von 15 Jahren zeigte, dass Frauen häufiger auf Fleisch verzichten als Männer. Seit Jahrhunderten wird Fleischkonsum mit Männlichkeit assoziiert. Weiblichkeit hingegen wurde historisch mit männlicher Kontrolle, einem geringen Appetit und einer gesellschaftlich untergeordneten Stellung verbunden. Parallelen zeigen sich in der Art und Weise, wie Menschen Tiere wahrnehmen. Warum werden sowohl Frauen als auch Tiere mit Unterordnung und Kontrolle in Verbindung gebracht? Und könnte darin eine Erklärung liegen, weshalb sich mehr Frauen als Männer pflanzenbasiert ernähren? Überholte Geschlechterstereotype und moderne Technologien tragen dazu bei, diese Vorstellungen aufrechtzuerhalten und geschlechtsspezifische Ernährungsgewohnheiten weiter zu verfestigen.

Dominanz und Macht
Dass Fleischkonsum mit Männlichkeit und Veganismus mit Weiblichkeit assoziiert wird, hat seine Wurzeln in historisch gewachsenen Geschlechterrollen. Über Jahrhunderte hinweg galt der Verzehr von Fleisch als Ausdruck von Wohlstand und Luxus. Bei opulenten Festmahlen im frühneuzeitlichen England wurden zahlreiche Fleischsorten serviert. Doch wer hatte überhaupt Zugang zu diesen Speisen? Solche Festessen erforderten nicht nur beträchtliche finanzielle Mittel, sondern auch den Zugang zu Land und Ressourcen, um Tiere jagen zu können. Fleischkonsum symbolisierte einen hohen gesellschaftlichen Status und die Macht des Menschen über die Natur. Doch was hat das mit Männlichkeit zu tun? Für Männer galt es lange als erstrebenswert, ihre Familie versorgen und Kontrolle über die natürliche Umwelt ausüben zu können. Historisch betrachteten Männer die Natur häufig nicht als einen gemeinsamen Lebensraum von Menschen und Tieren, sondern vielmehr als ein Territorium, das es zu erobern und zu beherrschen galt.
„Menschen mit Macht haben schon immer Fleisch gegessen.“
Carol Adams, vegane Aktivistin und Autorin
Aufgrund dieser historisch gewachsenen Rollenbilder könnten viele Männer der Überzeugung sein, dass es ihr „Recht“ sei, Fleisch zu essen. Unter Frauen ist diese Sichtweise jedoch weniger verbreitet. In einer Studie, die untersuchte, warum Menschen auf vegetarische Ernährung verzichten, vertraten viele Männer die Ansicht, dass Tiere in der Hierarchie unter dem Menschen stehen und es zur „Bestimmung des Menschen“ gehöre, Tiere zu essen. Frauen hingegen neigten eher dazu, Fleisch und Tiere gedanklich voneinander zu trennen. Zudem vermieden sie es häufig, sich damit auseinanderzusetzen, wie die Tiere behandelt wurden, bevor sie zu Lebensmitteln für den Menschen wurden.
Traditionelle Geschlechterrollen haben dazu beigetragen, dass viele Männer die Kontrolle über Tiere als selbstverständlich betrachten, da sie diese in der Hierarchie unter sich einordnen. Daraus entsteht ein Gefühl moralischer Überlegenheit, das ihnen als Rechtfertigung für den Verzehr von Tieren dient. Viele Frauen hingegen teilen diese Vorstellungen von Dominanz und Macht nicht. Könnte dies zumindest teilweise erklären, warum sich mehr Frauen als Männer pflanzenbasiert ernähren?

Weiblichkeit und Empathie
Freundlichkeit, Fürsorglichkeit und Empathie gelten traditionell als „weibliche“ Eigenschaften, die viele Männer möglicherweise bewusst vermeiden. Besteht hier ein Zusammenhang mit dem Fleischkonsum?
Fleischkonsum entspricht traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit und bekräftigt das Klischee, dass „echte Männer Fleisch essen“. In einer aktuellen Übersichtsarbeit bewerteten fleischessende Männer vegan lebende Männer als weiblicher. Liegt das daran, dass vegane Männer häufiger Mitgefühl für Tiere zeigen? Werden Männer, die Empathie zeigen, von anderen Männern als „weniger männlich“ wahrgenommen?
Führt dies dazu, dass Männer vermeiden, fürsorglich oder einfühlsam zu erscheinen? In derselben Untersuchung zeigte sich, dass die Entscheidung vieler vegan lebender Männer nicht in erster Linie auf Empathie beruhte. Statt ihre Männlichkeit infrage zu stellen, verstanden sie ihre Entscheidung vielmehr als eine Möglichkeit, Männlichkeit neu zu definieren. Gleichzeitig mieden einige von ihnen den Kontakt zu anderen vegan lebenden Menschen, weil sie nicht als „schwach“ wahrgenommen werden wollten. Bei Frauen hingegen waren die Beweggründe für eine vegane Ernährung überwiegend mit Tierleid und Umweltbedenken verbunden.
Selbst unter den vegan lebenden Männern dieser Studie bestand die Sorge, als schwach oder „weniger männlich“ wahrgenommen zu werden. Hält die Angst, als feminin zu gelten, Männer davon ab, sich vegan zu ernähren? Und sind Frauen in den Statistiken zum Veganismus deshalb stärker vertreten, weil sie nicht denselben geschlechtsspezifischen Erwartungen unterliegen?

Werbung
Werbung ist eines der wichtigsten Instrumente zur Konstruktion und Vermittlung von Geschlechterbildern. Infolgedessen könnte pflanzenbasierte Ernährung gezielt stärker an Frauen als an Männer vermarktet werden.
Eine aktuelle Studie ergab, dass Männer in vielen Werbeanzeigen nach wie vor als stark, aktiv und abenteuerlustig dargestellt werden, häufig mit athletischen Körpern und definierten Oberkörpern. Je nach beworbenem Produkt werden unterschiedliche Aspekte von Männlichkeit hervorgehoben. So greifen beispielsweise Fast-Food-Kampagnen bei der Werbung für fleischhaltige Produkte häufig auf stereotype männliche Eigenschaften zurück. Einige Werbeanzeigen verwenden sogar Slogans wie „Bist du Mann genug?“ oder „Essen für echte Männer“, um Burger und Steaks zu vermarkten.
Produkte hingegen, die als „gesünder“ gelten oder für einen kleineren Appetit gedacht sind, werden bevorzugt an Frauen vermarktet. Dies zeigte sich auch in der Werbung von Coca-Cola. Diet Coke wurde bewusst auf eine weibliche Zielgruppe ausgerichtet, um das Getränk als die gesündere Alternative zu positionieren. Verstärkt Werbung damit überholte Geschlechternormen? Festigt sie die Vorstellung, dass Männer große Portionen Fleisch essen sollten, während Frauen stärker auf ihre Gesundheit achten müssten?
Können diese Faktoren die geschlechtsspezifischen Unterschiede beim Fleischkonsum zumindest teilweise erklären? Die Forschungsergebnisse legen nahe, dass ein Wandel traditioneller Geschlechterrollen dazu beitragen könnte, mehr Männer für eine pflanzenbasierte Ernährung zu gewinnen.
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