Doom buying

Stecken wir in einer Rezession? Die Wahrheit über TikToks Rezessionsindikatoren und Doomspending

Von Jelly Shoes bis zu Lady Gagas Pop-Comeback: In den sozialen Medien wimmelt es unter dem Hashtag #recession von vermeintlichen Rezessionsindikatoren. Nutzer:innen deuten alles – von Modetrends bis hin zum Konsumverhalten – als Zeichen eines wirtschaftlichen Abschwungs, obwohl Fachleute keine unmittelbar bevorstehende Rezession erwarten. Die wachsende Aufmerksamkeit für Rezessionsindikatoren, vom Lippenstiftindex bis zum Doomspending, offenbart unser komplexes Verhältnis zu Geld und Zukunftsängsten in Zeiten anhaltender Unsicherheit.

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Stecken wir in einer Rezession?

Für eine Rezession gibt es keine einheitliche offizielle Definition. Im Allgemeinen bezeichnet sie jedoch eine Phase, in der die Wirtschaftsleistung über einen gewissen Zeitraum schrumpft. Die meisten Fachleute sprechen von einer Rezession, wenn das Bruttoinlandsprodukt (BIP) eines Landes in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen zurückgeht.

Nach Angaben der Hauptabteilung Wirtschaftliche und Soziale Angelegenheiten der Vereinten Nationen hat die Krise im Nahen Osten die Weltwirtschaft erschüttert. Die Folgen sind ein schwächeres Wachstum, steigende Preise und größere Unsicherheit.

Das globale Wachstum liegt weiterhin unter dem Niveau vor der Pandemie. Zwar wird mit einer gewissen Erholung gerechnet, doch die Aussichten bleiben verhalten. Die größten Probleme bestehen im Energiesektor: Höhere Preise und Lieferengpässe treiben die Kosten für alle in die Höhe. Dadurch ist die Inflation erneut gestiegen, und Lebensmittel sind teurer geworden. Zentralbanken stehen nun vor schwierigen Entscheidungen: Erhöhen sie die Zinsen, könnten sie das Wachstum bremsen; tun sie es nicht, könnte die Inflation anhalten. Die Finanzmärkte sind bislang stabil geblieben. Entwicklungsländer kämpfen jedoch mit höheren Finanzierungskosten und einer wachsenden Schuldenlast, was Investitionen und wirtschaftliches Wachstum erschwert.

Bedeutet das, dass wir 2026 in eine wirtschaftliche Rezession geraten werden? Fachleute gehen nicht davon aus. Warum also ist das Internet voller vermeintlicher Rezessionsindikatoren?

Rezessionsindikatoren im Internet

Der Hashtag #recession umfasst auf TikTok mehr als 144.000 Beiträge. In zahlreichen Videos erklären Content Creator:innen, wie sie sich strategisch auf eine bevorstehende Rezession vorbereiten und ihre Ausgaben reduzieren. Eine TikTokerin veröffentlichte beispielsweise ein Video mit der Bildunterschrift: „Der deutlichste Rezessionsindikator, der mir in letzter Zeit aufgefallen ist, ist, dass Frauen wieder ihre natürlichen Nägel tragen – und ich bin absolut dafür. Wir sind viel zu abhängig von diesen Schönheitsstilen, die uns regelrecht versklaven. Sie kosten zu viel Zeit und Geld.“

Rezessionsindikatoren im Internet lassen sich nicht auf ein einzelnes Phänomen reduzieren. Sie umfassen ein breites Spektrum an Themen und Trends, von denen die meisten von der Generation Z aufgegriffen werden. Angesichts der weltweiten finanziellen Unsicherheit erscheinen eine sorgfältige Planung und die Reduzierung unnötiger Ausgaben als die logischsten Maßnahmen. Doch im Internet bezeichnet der Begriff „Rezessionsindikatoren“ keineswegs nur solche Verhaltensweisen.

„Das sind meine Rezessionsindikatoren“, schreibt eine TikTokerin zu einem Video, in dem sie ein Paar Jelly-Schuhe filmt. „Ich habe seit 2008 keine Jelly-Schuhe mehr gesehen“, fügt sie hinzu. Eine andere Content Creatorin präsentiert ein von den 2000er-Jahren inspiriertes Oberteil als „ihren Rezessionsindikator“ und kommentiert: „Die frühen 2000er rufen an und wollen ihre übereinander getragenen Trägertops zurück.“ Sogar Lady Gagas Rückkehr in die Popwelt mit ihrem Song „Abracadabra“, der an ihre frühe Ära als Popstar erinnert, gilt als untrügliches Zeichen einer bevorstehenden Rezession.

Und schließlich: Labubus. Die Figuren entsprangen ursprünglich der Fantasie des belgisch-chinesischen Künstlers Kasing Lung und erschienen 2015 in seiner illustrierten Buchreihe The Monsters. Im Jahr 2025 eroberten sie den globalen Markt. Inzwischen scheinen sie zwar weitgehend von der Bildfläche verschwunden zu sein, doch bis vor Kurzem waren Labubus allgegenwärtig. Es gab sie als Taschenanhänger, Plüschfiguren und sogar als Modeaccessoires. In ihrer letzten Verwandlung wurden sie schließlich zu Rezessionsindikatoren: „Wenn das Geld knapp wird, hören wir nicht auf, es auszugeben … wir tauschen lediglich großen Luxus gegen kleine Freuden. Wir versuchen alle nur, irgendwie damit klarzukommen. Wenn dich das nächste Mal jemand für deine Labubu-Besessenheit verurteilt, kannst du sagen, sie sei eine aktuelle wirtschaftswissenschaftliche Fallstudie“, schreibt eine TikTokerin unter ihrem Video.

Little treat culture
@Stephen Kidd via Unsplash

Die Rückkehr des Lippenstiftindex

Im Jahr 2001 prägte Leonard Lauder, der damalige Vorsitzende von Estée Lauder, während der Rezession den Begriff „Lippenstiftindex“. Die Idee dahinter war einfach: In schwierigen Zeiten möchten sich Menschen weiterhin kleine Freuden gönnen. Statt viel Geld für teure Kleidung auszugeben, kauften sich viele Frauen daher einen Lippenstift als erschwingliche Belohnung. Während der Pandemie 2020 kehrte sich dieser Trend jedoch um. Da alle Masken trugen und ihre Lippen kaum noch zeigten, brachen die Lippenstiftverkäufe drastisch ein.

In unserer postpandemischen Welt erlebt der Lippenstiftindex nun ein Comeback – auch aufgrund des Phänomens der Rezessionsindikator-Memes. Obwohl auf TikTok zunehmend darüber gesprochen wird, wurde der Begriff diesmal durch „Little Treat Culture“ ersetzt, die Kultur der kleinen Belohnungen. Dabei veröffentlicht vor allem die Generation Z Videos, in denen sich Nutzer:innen ihre wohlverdienten kleinen Freuden gönnen: etwa einen Kaffee mit Gebäck, Kerzen, Kleinigkeiten aus Secondhandläden, Hautpflegeprodukte oder – zumindest noch bis zum vergangenen Jahr – Labubu-Artikel.

Lipstick Index
@Evangeline Sarney via Unsplash

Doomspending. Selbstberuhigend. Selbstzerstörerisch.

Doomspending bezeichnet Einkäufe, mit denen wir versuchen, unsere Nerven zu beruhigen. Sorgen um die Wirtschaft oder beunruhigende Nachrichten? Plötzlich scheinen eine spontane Essensbestellung oder ein neues Paar Schuhe genau das Richtige zu sein, um sich besser zu fühlen – wenn auch nur für kurze Zeit. Manchmal buchen Menschen sogar in letzter Minute eine Reise, um dem Stress für einen Moment zu entkommen.

Fachleute sprechen dabei von finanzieller Angst. Besonders betroffen sind Menschen, die bereits mit psychischen Belastungen, chronischen Erkrankungen oder Problemen im Zusammenhang mit Substanzkonsum zu kämpfen haben. Allzu oft wird diese Form der Angst abgetan oder als weniger bedeutsam betrachtet als andere Probleme. Häufen sich die Geldsorgen jedoch, können sie die Psyche und das allgemeine Wohlbefinden erheblich belasten.

Manchmal wird diese Angst auch durch die Medien selbst ausgelöst. Auf TikTok schüren zahllose selbsternannte „Expert:innen“ die Furcht, eine weltweite Rezession stehe unmittelbar bevor. Kein Wunder also, dass wir in eine Spirale aus Katastrophengedanken geraten und uns schließlich sagen: „Die Welt bewegt sich in eine selbstzerstörerische Richtung, und ich kann nichts dagegen tun – dann kann ich es mir genauso gut gut gehen lassen.“ Es ist nichts daran auszusetzen, auf die eigenen Bedürfnisse zu hören und sich nach einem langen, stressigen Tag mit kleinen Einkäufen aufzumuntern. Psycholog:innen warnen jedoch davor, dieses Verhalten außer Kontrolle geraten zu lassen.

Doomspending wirkt selbstberuhigend, kann jedoch unserem Geldbeutel und damit auch unserer psychischen Gesundheit schaden. Wenn wir mehr Geld ausgeben, um finanzielle Ängste zu lindern, können wir uns dadurch erst recht in eine unsichere finanzielle Lage bringen, die zwangsläufig zusätzlichen Stress verursacht. Deshalb ist es wichtig, das eigene Konsumverhalten aufmerksam zu beobachten, damit wir nicht Gefahr laufen, in eine selbsterfüllende Prophezeiung zu geraten.

Recession memes
@Brooke Cagle via Unsplash

Ob Jelly-Schuhe, ein Labubu-Schlüsselanhänger oder ein Nachmittagskaffee als „kleine Belohnung“ gelten: Rezessionsindikatoren in den sozialen Medien sagen häufig mehr über kollektive Ängste aus als über den tatsächlichen Zustand der Wirtschaft. Das globale Wachstum bleibt zwar fragil und die finanzielle Unsicherheit ist durchaus real, doch Fachleute halten eine Rezession derzeit nicht für unvermeidlich. Stattdessen verdeutlichen diese Online-Trends, wie Menschen emotional auf wirtschaftliche Instabilität reagieren – manchmal, indem sie ihre Ausgaben reduzieren, und manchmal, indem sie Trost in kleinen Einkäufen suchen. Den Unterschied zwischen wirtschaftlicher Realität und viralen Spekulationen zu verstehen, ist unerlässlich – insbesondere in einer Zeit, in der sich finanzielle Ängste ebenso schnell verbreiten können wie jeder andere TikTok-Trend.

 

Titelbild:
© Vitaly Gariev via Unsplash

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